Carelle
- Prolog – Wenn Schatten flüstern
- 1. Das unentdeckte Land
- …
PrologWenn Schatten flüstern
„Weißt du, als ich das erste Mal in deine Augen geblickt habe, nicht in deine wirklichen natürlich, sondern in die, die du in die Welt geschickt hast, war ich fasziniert – vom Rätsel, von dem Mysterium, das sich hinter einem Bildausschnitt verbirgt. Nicht ich habe den ersten Blick auf dich geworfen, du warst es, die den Schritt aus dem Xanadu in die profane Welt gegangen ist – hin zu mir. Hast mich eingewoben, umhüllt mit Worten und Ahnungen, die sich warm und leicht um mich geschmiegt und sich wie ein feines Band um mein Herz gelegt haben. Du hast mich nicht an dich gekettet, doch mit Fäden umsponnen, die mich gefangen hielten in einer Welt, in der ich mich selbst in einer Projektion deines Schattens wiedergefunden habe. Dich wollte ich lieben – du warst der Spiegel, den du mir meisterhaft vorgehalten hast.
Tiefer und tiefer hast du mich geführt, hinab, dorthin wo meine verborgensten Wünsche und Sehnsüchte versteckt waren, hast die Leere in mir gefüllt – mit dem Widerschein meiner selbst. Du hast mich zu einer Liebe verführt, die außerhalb des Erreichbaren, Erfüllbaren war, bis du real wurdest – in einem Augenblick, der nie hätte geschehen dürfen. Als Schatten bist du in mein Leben getreten. Und als das Licht auf dich fiel, als du dich entschieden hattest, vor mich zu treten, mit all deiner Verletzlichkeit, deinen Sehnsüchten und Ängsten, habe ich dich nicht erkannt. Wie einen Geist habe ich dich verbannt – zurückgeschickt ins Nirgendwo.
Und du? Du legtest mir dein Herz zu Füßen, zerbrochen, und bist entschwunden. Selbst mein Ruf, der dir im Augenblick der Erkenntnis und voll Bedauern gefolgt ist, war nur ein Hall, ein Flüstern im Wind und hat dich nicht mehr erreicht. „Chérie", hast du geschrieben, "tout d'abord tu ne crois pas en ma personnalité donc je préfère garder mon calme." Und dein Schweigen blieb die einzige Konstante. Wer warst du also? Phantom? Projektion? Ein Mensch, der in all seiner Unvollkommenheit gewagt hat, aus dem Schatten zu treten?
Ich werde es nie wissen.“
Ein Sommertag wie so viele. Belanglos in seiner Eintönigkeit zwischen Alltag und Wetterbericht. Und doch ein Tag, der mich entweder aus einer Illusion weckte oder etwas Einzigartiges zerbrechen ließ. Was ist Traum – was ist Wirklichkeit? In Zeiten von Social Media, von WhatsApp und Instagram verschwimmen die Konturen des Nachvollziehbaren, des Glaubhaften, Greifbaren. Ich bin ich. Aber möchte ich mich der Welt morgen als jemand völlig anderer präsentieren – das Internet macht es möglich, die Naivität der Menschen machbar. Die Identität wird zum wandelbaren Gut einer Welt, in der das Scheinbare wertvoller ist als das Reale.
Und die Liebe – meine Liebe, die verwurzelt in mir lebt und sich nicht jäten lässt? Ist sie Widerhall einer Illusion oder das Sinnbild meines Unvermögens, das Echte zwischen all den Illusionen zu erkennen? Ist eine Antwort überhaupt nötig? Sie würde nichts ändern. Man kann nicht nicht lieben. Aber man kann sich entscheiden.
„Vielleicht besuche ich dich einmal -im Traum – und küsse dich zum Abschied, fühle deine weichen Lippen auf den meinen und schwelge einen Augenblick in der Bittersüße meiner Fantasie. Und so wie du verstummt bist, bleibe auch ich in der Stille, in der du verweht bist.“
Ich lese den Brief noch einmal. Er ist mir in die Hände gefallen, in den unendlichen Weiten meines Handschuhfaches, als ich auf der Suche nach meinem Führerschein war. Neben Impfpass und Schokoriegel, Tempos und Bonbonpapier hatte er sich versteckt – und ich ihn fast vergessen.
Ein weiteres Mal überfliege ich meine Zeilen, geschrieben in einem Moment der Melancholie und trotzdem der Klarheit. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Und ein Phantom ein Phantom? Kurz überlege ich, ob ich ihn zusammen mit den restlichen Reiseabfällen entsorgen soll, entscheide mich aber dagegen. Er ist wie ein Tagebucheintrag – eine Erinnerung und eine Mahnung an mich selbst.
Irgendwo in den Gassen von Montpellier wird das Echo wohl mittlerweile ganz verklungen sein.
1Das unentdeckte Land
Es sind die Übergänge, die bewusst oder unbewusst Gedanken hervorlocken, uns Bilder vor das innere Auge malen, in den Farben der Hoffnung und des Neubeginns. Ein altes Jahr ist vorüber, ein neues bricht an: Ein Übergang, den man unzählige Male erlebt hat, immer mit der Sehnsucht verbunden, dass endlich dieser Zeitabschnitt uns neue Möglichkeiten eröffnet, einen Lichtstrahl in die eigene Seele wirft, und alles besser wird. Man raucht nicht mehr, trinkt weniger, macht mehr Sport. „Veganuary“ ist das Glaubensbekenntnis des 21. Jahrhunderts, Selbstoptimierung die Religion. Wir laufen und laufen und überholen uns dabei fast selbst. Stillstand ist Rückschritt. Innere Einkehr wird zur esoterischen Achtsamkeit. Wir verlieren uns im Spiegel der eigenen Erwartungen.
Ich lächelte versonnen in meinen Cappuccino, den Kopf voll mit solchen Gedanken, und beobachtete die Menschen draußen vor der Cafébar. Leicht verzerrt durch Regentropfen, die langsam das Fenster hinunterliefen, schaute ich ihnen zu, wie sie mit schnellen Schritten versuchten, dem kalten Januarregen zu entkommen. Wie Gischt versprühten vorbeifahrende Autos Regenwasser aus Pfützen. Der ein oder andere Passant würde wohl demnächst seinen Mantel in die Reinigung bringen müssen.
Ich trank einen Schluck, lehnte mich zurück in das weiche Polster eines Art-Deco-Sofas und genoss die Stille um mich herum. Das Lokal war fast leer. Nur ein älterer Herr saß ein paar Tische weiter und war in seine Zeitung vertieft. Ich mochte dieses etwas in die Jahre gekommene Café mit seinem warmen, weichen Licht und den bunt zusammengewürfelten Möbeln. Es war im Laufe der Jahre mein zweites Wohnzimmer geworden. Und wie so oft, wartete ich auch heute auf Tina, meine beste Freundin. Sie war ein wenig spät dran und ich wollte ihr gerade eine Nachricht schreiben, als das Smartphone in meiner Hand vibrierte. Ein Blick verriet mir – es war nicht Tina. Und mein Herz schlug plötzlich schneller.
Wie solch ein alltäglicher Moment doch zu einem aufregenden Ereignis werden konnte. Denn, wenn es nicht meine Freundin war, die mir da gerade schrieb, konnte es ja vielleicht… sie sein.
Vor ein paar Tagen, in einem Augenblick der Sehnsucht nach einem Gegenüber, nach Verbundenheit und Nähe, hatte ich in einer Facebook-Gruppe ein Posting platziert. Nach all den Jahren selbstgewählten Singledaseins startete ich einen Versuch und „warf mich wieder auf den Markt“ – ein wenig unsicher, ein wenig schüchtern, aber auch voller Neugier und verhaltener Vorfreude auf das, was eventuell kommen würde. Ich war in Bewegung, auf Wanderschaft in mir selbst – und hinaus, und das wäre ich viel lieber mit jemandem an meiner Seite.
Eine Nachricht war noch an jenem Abend in meiner Inbox gelandet. Ein einzelnes Wort – “Hello”- das vielleicht der erste Schritt auf dem Weg ins Land der Abenteuer war. Kein Foto begrüßte mich, nur ein Bild von zwei Augen – warm auf mich gerichtet – und gerade darin verführerisch. Damit waren sie genau die Versuchung, der ich nicht widerstehen konnte. „Hello“, tippte ich zurück, „nice to meet you“. Und mit dem Klick auf ‚Absenden‘ begann eine Reise voller Licht und Schatten, ein Tanz auf mehreren Ebenen, versteckt zwischen Bits und Bytes, Backbones und Netzen noch ganz anderer Art, die feine Fäden um uns schlangen.
Kaum hatte ich die Nachricht abgeschickt, kribbelte ein Gefühl zwischen Hoffen und Bangen in mir. Es war nicht unangenehm, im Gegenteil. Der Reiz des Neuen und der Kitzel des Ungewissen hatten mich in ihren Bann gezogen. In den Nächten danach schrieben wir uns Wort um Wort näher, bis aus dem fremden ‚Hello’ viel mehr geworden war.
Mein Finger schwebte einen Augenblick lang über dem Display, bevor ich die Nachricht öffnete und wieder in ihre Augen blickte. „Chérie“, stand da. „Je t’attends ce soir“. Und ich wusste, ich würde da sein, heute Abend, wenn sie auf mich wartete.
Tina stand plötzlich vor mir und ertappte mich dabei, wie ich verträumt in mein Handy starrte.
“Was grinst du denn so liebeskrank vor dich hin? Gibt’s da was, das ich wissen sollte?”
Hatte man Tina erst einmal neugierig gemacht, ließ sie nicht mehr locker. Ich verdrehte also etwas übertrieben die Augen und seufzte:
“Jetzt setz dich erst mal hin. Außerdem… ich bin überhaupt nicht liebeskrank und gegrinst hab ich auch nicht.”
“Ne, is klar. Und Nachbars Lumpi war auch noch nie spitz.”
Das würde nun so weiter gehen, bis ich mit der Wahrheit rausrückte. Tina meinte das nicht böse. Wir kannten uns nur schon viel zu lange und zu gut, um einander etwas vorzumachen. Also weihte ich sie ein kleines Stück in mein Geheimnis ein.
„Facebook? Ausgerechnet Facebook? Das ist was für alte Leute.“ Sie schaute mich geschockt an, als ich die ersten Einzelheiten erzählt hatte.
„Ich bin alt.“
„Ja, klar. Jetzt mach dich nicht lächerlich. Hast du daheim sämtliche Spiegel verdeckt und sitzt Schiwa für dein Liebesleben?“
„Schwachsinn. Mein Liebesleben ist nicht tot, es ist… Ich hab‘ einfach eine Pause eingelegt.“
„Hm, genau. Eine Pause. Elf Jahre lang! Du bist praktisch wieder Jungfrau. Wenn die noch länger dauert, steht einmal ‚Ungeöffnet an Absender zurück‘ auf deinem Grabstein.“
„Lass das, das ist, das ist… nicht lustig“, schloss ich lahm, weil ich Tina, nicht damit beleidigen wollte, was ich wirklich von ihrer ‚taktvollen‘ Bemerkung hielt.
„Genau“, sie war nicht zu bremsen, „nicht lustig und trotzdem wahr. Und es ändert nichts daran, dass Facebook eine Rentnerplattform ist. Was kommt als nächstes? Silver Dating‘? Oder bist du schon bei den ‚Golden Girls‘?“
Ich rollte mit den Augen. „Weder noch. Aber ich bin auf der falschen Seite der 50. Passt Facebook also doch.“
„Du bist ein hoffnungsloser Fall. Ich seh‘ schon, wie demnächst dein Date mit dem Rollator angewackelt kommt.“
Ich kam nicht umhin ein wenig zu sticheln.
„Ah ja, Süße? Wenn ich sage, du hast ein paar Pfund zu viel auf den Rippen, ist es Bodyshaming. Aber Altersdiskriminierung findest du völlig in Ordnung? Du wirst dich noch wundern – Erfahrung schlägt Jugend!“
„Pah!“ Meiner schlagfertigen Freundin waren die Worte ausgegangen. „Ich hab‘ keine paar Pfund zu viel“, grummelte sie vor sich hin und exte ihren Gin Tonic.
Ich grinste sie an und formte lautlos die Worte: „200 Kalorien“, was mir einen bitterbösen Blick und Giovanni, dem Barkeeper, ihre nächste Order einbrachte.
„Und jetzt erst recht.“ Es war ihr dritter.
„Im Ernst, Katti,“, fuhr Tina fort, „du hast also in dieser komischen Gruppe auf Facebook eine Kontaktanzeige gepostet. Was hast du denn geschrieben?“
Ich wand mich ein wenig. Tina war bodenständig, resolut und respektlos. Wie sollte ich ihr meine nächtlichen Liebeselegien erklären?
„Naja“, stotterte ich, während ich verzweifelt versuchte, mir schnell eine entschärfte Version einfallen zu lassen. „Irgendwie halt, dass ich schon länger allein bin, aber nicht bedürftig, dass es schön wäre, wieder jemanden an meiner Seite zu haben, der einfühlsam, treu und auf der Suche nach einer echten Beziehung ist.“
„Klingt wie aus einem Obi-Katalog für Querverbindungen. Du bist doch sonst nicht so einfallslos. Komm rück schon raus, das klingt nicht nach dir. Ich kenn dich doch!“
Etwas verlegen zückte ich mein Handy und zeigte ihr meinen Text. Sie riss die Augen auf.
„Nein! Das hast du nicht geschrieben!“
Langsam stieg mir die Hitze ins Gesicht. Doch, hatte ich. Und sie war die Letzte, die jetzt hier einen auf ‚Pflänzchen rühr mich nicht an‘ machen sollte. Ich war erwachsen. Ich hatte sogar ein Kind zur Welt gebracht. Ich weiß, wie man Sex buchstabiert!
Ich rutschte etwas verlegen auf meinem Platz herum, dann schoss ich zurück:
„Das sagst ausgerechnet du! Wer hat sich denn letzten Sommer durch die Gegend… getindert?“ Ich winkte Giovanni zu. Jetzt brauchte ich auch etwas Stärkeres als Kaffee.
„Bringst du mir bitte ein Glas Bardolino? Weißt schon, den guten vom letzten Mal.“
Ich – absolute Wein-Analphabetin – unterschied nur zwischen ‚schmeckt mir‘ und ‚gruselig‘.
„Das ist auch etwas ganz anderes“, protestierte Tina.
Ihre indignierte Stimme verriet aber, dass sie sich da selbst nicht so ganz sicher war.
„Aber natürlich.“
Ich konnte so freundlich, so lieb und so doppeldeutig sein. Sie wusste, wie ich es meinte. Und sogar Giovanni musste grinsen.
„Es hat sich also schon jemand gemeldet?“
Sie ignorierte meine letzte Stichelei gekonnt und lenkte das Thema wieder auf mein Posting. Seit Jahren versuchte sie schon, mich wieder an den Mann bzw. an die Frau zu bringen. Mich zu verkuppeln, hatte sie sich zur Lebensaufgabe gemacht. Ich konnte mich kaum mehr an all die Damen erinnern, die sie in den letzten Jahren angeschleppt hatte. „Ihr würdet so ein hübsches Paar abgeben.“ Ja, genau, als ob das allein reichen würde. „Du, die steht auch auf Doctor Who, die auch so ein Nerd.“ Aber sicher, gemeinsames Seriengucken gehörte zu meinen Top 10, wenn es um Leidenschaft und heiße Nächte ging. Und so ging es weiter, Frau um Frau. Dass ich nun selbst aktiv wurde, spornte sie nur noch mehr an. Hätte ich doch nur noch ein wenig gewartet, bevor ich ihr von meiner nächtlichen Aktion erzählte. Aber ich konnte es nicht für mich behalten – ich war aufgeregt wie ein Teenager vor dem ersten Date. Ich musste Tina von ihr erzählen – von ihr, der Frau mit den geheimnisvollen Augen. Sie war nicht die Einzige, die ihren Weg in meine Inbox gefunden hatte, aber die weitaus Faszinierendste.
Ich warf Tina einen verlegenen und offensichtlich verräterischen Blick zu. „Ja, schon.“
„Spuck‘s aus, Katti. Du grinst wie eine Katze, die in die Sahne gefallen ist.“
„Da waren so einige, Tina.“ So schnell wollte ich ihr nicht verraten, dass da jemand war, der meine Neugier geweckt hatte. Neugier… Ja, okay, etwas anderes auch. Aber das ist gerade nicht das Thema. Und Tina sollte nicht denken, dass ich wie ein alter Ladenhüter in der Ecke einer ominösen Dating-Gruppe vor mich hingammelte, ohne dass sich jemand für mich interessierte. Ja, da waren einige. Eine ganze Menge sogar – und die meisten davon sogar schon wieder Vergangenheit. Aber das musste Tina ja nicht unbedingt wissen.
Doch so leicht ließ sich meine Freundin nicht täuschen. Sie hatte eine Spürnase für Geheimnisse, ganz besonders für meine Geheimnisse. Sie kniff die Augen zusammen.
„Aha, einige, also. Auch eine ‚spezielle‘?“ Wenn irgendjemand in Großbuchstaben sprechen konnte, dann war es Tina.
„Hm, vielleicht.“ Es machte mir Spaß, sie ein wenig zappeln zu lassen. Und irgendwie… irgendwie hatte ich das Gefühl, wenn ich es aussprach, wenn ich über sie redete, könnte sie verschwinden, wie ein Schatten im Morgenlicht. Ich zögerte den Moment hinaus, wollte das Gefühl, diese leise Ahnung von etwas, für das ich noch nicht einmal selbst Worte fand, nicht so schnell der Welt, der analogen Welt, zum Begutachten und Sezieren präsentieren. War es erst heraus, gehörte es nicht mehr mir allein.
Ein leichter Ellbogenstupser brachte mich wieder ins Hier und Jetzt.
„Du träumst ja jetzt schon mit offenen Augen. Gib’s zu – du hast tatsächlich jemanden kennengelernt.“
Tinas Aufmerksamkeit war wie ein Scheinwerfer auf mich gerichtet. Doch als ich nicht gleich antwortete, seufzte sie:
„Okay, ich hör ja schon auf zu bohren. Erzähl’s mir, wenn du so weit bist. Wenn du tatsächlich jemanden gefunden hast… Ich würd‘ mich total für dich freuen. Aber pass bitte auf. Nicht alle, die dir schreiben, wollen wirklich dich kennenlernen. Das Internet ist auch der bevorzugte Spielplatz von Durchgeknallten, von Perversen und von Betrügern. Ich sag nur Romance Scamming. Schon mal was davon gehört?“
Als wenn ich das nicht wüsste. Auch wenn ich kein Digital Native war, naiv war ich deshalb noch lange nicht. Begriffsstutzig am Anfang vielleicht, zu ehrlich, zu hoffnungsvoll, aber selbst ich konnte die berühmten „Red Flags“ nicht ewig ignorieren. Und wenn Herz auf Hirn trifft, gibt es immer nur einen Verlierer. – Und den anderen, der trotzdem nicht gewinnt.
„Klar, Tina, mach dir keine Sorgen. Ich pass schon auf mich auf. Und außerdem, ich hab‘ ja dich. Du würdest den nächsten Kreuzzug starten, wenn mir jemand blöd käme.“
„Worauf du einen lassen kannst.“
Ach Tina, ich hab‘ dich lieb. Du findest immer die richtigen Worte, auch wenn sie noch so deftig sind.
Es war eigentlich noch nicht spät, aber ich drängte zum Aufbruch. Tina sah mich zunächst leicht verwundert an. Sonst saßen wir locker bis spät nach Mitternacht zusammen, plauderten, philosophierten oder – mit steigendem Alkoholpegel – lästerten über Arbeitskollegen oder sonst jemanden, der uns gerade einfiel. Dann sah sie mich mit diesem wissenden, verständnisvollen Blick an, der nur für beste Freundinnen reserviert war.
„Ah, okay. Ich verstehe. Na, dann wünsche ich dir viel Spaß mit… wem auch immer. Und denk daran: Details, bald!“
Ich wollte nach Hause. Unbedingt! Jede rote Ampel wurde zum Hindernis, jedes langsame Auto zum persönlichen Feind, bis ich endlich die Tür zu meiner Wohnung aufsperren konnte – und zu ihr. Denn sie wartete schon in meinem Wohnzimmer, in meiner Kuschelecke. Ich musste nur ein Knöpfchen drücken, rechts, seitlich an meinem Notebook – und dann wäre sie da. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug, mein ganzer Körper zu prickeln begann, als ich es las:
„Tu es là? – Bist du da?“
„Je suis là. – Ich bin da.“
Wenn man tippend flüstern könnte, dann tat ich es gerade. Ich flüsterte mit den Tasten: „Je suis là et tu es là.“ Sieben Wörter, mehr braucht es manchmal nicht – und die Welt setzt einen Herzschlag lang aus.
Wie es weitergeht, liest du im vollständigen Buch.