Durch das Zwielicht
- Ein paar Worte vorab
- Prolog
- 1. Ankunft
- 2. Zwischenfall
- 3. Annäherung
Ein paar Worte vorab
Diese Geschichte ist mir ans Herz gewachsen – und gerade deshalb möchte ich ehrlich mit dir sein, bevor du sie beginnst: Sie führt an Orte, die wehtun können. Charlie und Lea tragen Wunden, die im Lauf des Romans aufbrechen.
Du begegnest unter anderem sexualisierter Gewalt und einer Vergewaltigung, Suizidgedanken und Suizidversuchen, posttraumatischer Belastung, häuslicher Gewalt und Mobbing. Ich verzichte jedoch bewusst auf explizite Beschreibungen.
Wenn dich eines dieser Themen gerade selbst betrifft: Lies achtsam. Mach Pausen, leg das Buch weg, wenn es zu viel wird – es läuft dir nicht davon. Und du musst mit nichts davon allein bleiben. Am Ende des Buches findest du Anlaufstellen, die für dich da sind.
Pass gut auf dich auf.
Christine Aurélien
Prolog
der teilweise Verlust von Erinnerungen.
Bestimmte Zeiträume oder Ereignisse bleiben unzugänglich
während anderes intakt bleibt.Definition
Sie schaut sich noch einmal um, in dem nun leeren Zimmer. Dort, wo bis vor kurzem noch ihre Bilder hingen, malt fahles Licht, das durch die Fenster fällt, Schatten an die jetzt kahlen Wände, Gitterstäben gleichend. Sie fröstelt, schlingt schützend ihre Arme um sich, denn so wie die Lebensfreude, scheint auch alle Wärme diesen Ort verlassen zu haben. Die Musik, das Lachen, Streiten, das gurgelnde Geräusch der Kaffeemaschine am Morgen sind verstummt. Einzig ihre Schritte verhallen hinter ihr, als sie entschlossen aus dem Zimmer tritt.
Sie legt die Wohnungsschlüssel wie vereinbart auf das Fensterbrett im Flur und schickt sich an, endlich den Ort zu verlassen, an dem sie glücklich war, gefeiert, gelebt und geliebt hat, diesen Ort, der zum Albtraum wurde.
Auf ihrem Weg zur Haustür stockt ihr Schritt vor der offenen Tür zur Küche. Nur ein oder zwei Meter entfernt, da auf den Fliesen, gleich rechts neben dem selbstgebauten Tresen, begann alles – oder endete es? Es macht keinen Unterschied. Anfang, Ende, Vorher, Nachher, Jetzt – alles nur bedeutungslose Wörter für sie. Buchstabenbrei, in dem sie rühren kann, ohne dass etwas Sinn ergibt. Da ist nur dieser Gedankensplitter, dieser Bruchteil einer Erinnerung an den unglaublichen Schmerz, der sich wie Feuer in sie fraß, und der Schrei, scharf wie zersplitterndes Glas – war er von ihr oder von ihm? – sie weiß es nicht mehr –, der alles übertönte, leiser wurde, röchelnd verstummte, bis ein greller Blitz ihr Leben zerriss – und um sie, in ihr nur Dunkelheit blieb.
Sie schüttelt den Kopf, heftig, um die Erinnerung, diese einzige, die sie noch hat, zu vertreiben. Sie will nicht daran denken, will das Graben in ihren Gedanken verhindern, welches doch nur vergebens wäre und nichts als quälende Unsicherheit hinterließe.
Drei, vier schnelle Schritte und sie lässt die Wohnung hinter sich, einer Flucht gleich. Nur weg – weg von allem, was bisher war, diesem vergällten, vergifteten Leben, das mit dem Knall der ins Schloss fallenden Tür, endet.
1Ankunft
und neues Leben blüht aus den Ruinen.Friedrich Schiller
Wilhelm Tell
Der Sommer neigte sich seinem Ende entgegen und die ein oder andere Windböe ließ bereits den nahenden Herbst erahnen. Erste Regentropfen malten dunkle Kreise in den Staub auf ihrem roten Jeep, so dass Lea schnell das Verdeck schloss. Die Tage waren vorbei, an denen sie es genossen hatte, wie der Fahrtwind durch ihr blondes Haar strich und sie frei von Verpflichtungen auf kleinen gewunden Straßen durch die Dörfer der italienischen Marken gefahren war. Leicht fröstelnd zog sie mit einer Hand ihre Jacke enger an sich. Die Sommerferien waren endgültig vorbei.
Sie stieg in ihren Wagen, warf ihre Tasche auf den Rücksitz und verhakte sich mit einem Absatz ihrer Pumps im Trittbrett. Sie verfluchte sich schon jetzt, keine bequemeren Schuhe angezogen zu haben. Aber es war der erste Schultag und da wollte sie ihre neuen Valentinos wenigstens einmal ausführen.
Es sollte ihr drittes Jahr am Privatgymnasium Kaltenfels werden, das ein paar Kilometer vom Ort entfernt in einem historischen, burgähnlichen Gebäude untergebracht war. Eltern mit dem nötigen Kleingeld schickten ihre Sprösslinge hierher. Social networking von Kindesbeinen an.
Lea hatte sich ganz bewusst für Kaltenfels entschieden, trotz seines sehr traditionellen Lehrkonzeptes, und hier eine Art Heimat gefunden – oder ein Versteck.
Sie startete den Motor, wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht, überprüfte noch einmal ihr Makeup im Rückspiegel, legte den Gang ein und fuhr zur Eröffnungskonferenz. Der erste Tag im neuen Schuljahr, das so ganz anders werden sollte, als sie ahnte.
Der Parkplatz war ein ganzes Stück vom Eingang entfernt und lag noch vor den mittelalterlich wirkenden Mauern, die das Schulgelände umschlossen. Der Regen war inzwischen stärker geworden und natürlich hatte sie wieder einmal keinen Schirm dabei. Mit der Tasche über dem Kopf lief sie den Schotterweg hoch zum Tor. Das letzte Stück war immerhin gepflastert und sie kam mit ihren Pumps schneller voran. Sie war froh, als sie einigermaßen trocken das Foyer erreichte. Der Gong ertönte und sie beeilte sich, um nicht zu spät zur Konferenz zu kommen. Es war eine Punktlandung – wie immer.
Lautes Stühlerücken und Stimmengewirr begrüßten sie, als sie den großen Sitzungssaal betrat. Hohe bunte Fenster und ein abgetretener Steinboden waren Überbleibsel aus früheren Zeiten. Der große Wandteppich an der Stirnseite des Raumes war einem riesigen Smartboard gewichen, an dem schon die erste Seite der PowerPoint-Präsentation zu sehen war: „Willkommen im neuen Schuljahr!“ Sie fand noch einen Platz am hinteren Ende des langen Tisches, der für ihre Fachschaft reserviert war. Ein paar Kollegen drehten sich zu ihr um und begrüßten sie mit einem Lächeln, als auch schon testweise ans Mikro geklopft wurde.
Herr Dr. Edwin Bauer, Oberstudiendirektor und Schulleiter, war ans Rednerpult getreten und ringsum verstummten die Gespräche.
„Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich darf Sie recht herzlich zur diesjährigen Anfangskonferenz begrüßen. Ich hoffe, Sie hatten erholsame Ferien, so dass Sie mit neuem Schwung und neuer Energie in dieses Schuljahr starten können…“
Lea hörte nicht mehr zu. Bauer hielt dieselbe Rede jedes Jahr und langweilte alle mit der typischen Belanglosigkeit der meisten Eröffnungsreden. Sie ließ ihren Blick schweifen, nickte dem ein oder anderen Kollegen zu, schenkte Simone Wibeau, ihrer Lieblingskollegin und Freundin, ein Lächeln, entdeckte weiter vorne Hanni Seibold, die Sekretärin, wie sie in einen Laptop tippte. Tja, keine Konferenz ohne Protokoll. Die Arme.
Verhaltener Beifall brachte ihre Aufmerksamkeit zurück. Nun war der Stellvertreter an der Reihe, Studiendirektor Thomas Köstner, ihr spezieller Freund. Seine Aufgabe war es, die Kollegen über aktuelle Schülerzahlen und alle Änderungen im neuen Schuljahr zu informieren.
„Wie Sie alle wissen, wird uns am Ende des Schuljahres unser geschätzter Kollege Martin Wurmdobler verlassen, um den wohlverdienten Ruhestand zu genießen. Die Fachschaft Deutsch verliert damit ihren langjährigen Betreuer und wir“ – er nickte kurz zu Bauer – „die Schulleitung, haben entschieden, dass es an der Zeit ist, der jungen Generation eine Chance zu geben.“ Er lächelte betont jovial in Richtung des Tisches, an dem auch Lea saß. „Ihr Engagement, Ihre Ideen und Projekte in diesem Jahr werden zeigen, wer von Ihnen in die großen Fußstapfen Martins hineinwachsen kann.“
Überraschtes Raunen machte sich im Saal breit. Auch Lea war verblüfft und elektrisiert zugleich. Bisher hatte sie immer gedacht, sie sei zu jung für eine Fachbetreuung. Aber hier tat sich eine einmalige Gelegenheit auf. Wenn sie diese verpasste, bliebe das Zeitfenster für einen Karrieresprung für lange Jahre geschlossen.
„Zu Beginn dieses Schuljahres möchte ich Sie alle daran erinnern“, fuhr Köstner fort, „dass die Hausordnung unter allen Umständen einzuhalten ist. Teilen Sie das Ihren Schülern mit. Es gibt keine Ausnahmen, und wenn der Herr Papa noch so viel verdient.“
Er machte eine Pause, die einen kleinen Augenblick zu lang war und blickte nachdrücklich in die Runde. Betont langsam fuhr er dann fort:
„Letztes Jahr haben mehrere Schüler nachts das Schulgelände verlassen. Nachts! Ich muss Sie wohl nicht darauf hinweisen, was alles passieren könnte.“
Lea schmunzelte in sich hinein. Sie wusste nur zu gut, warum sich die Kids manchmal heimlich aus der Schule schlichen. Sie war auch einmal jung gewesen… Nun gut – jünger. So alt war sie nun auch noch nicht.
„Wir sind für das Wohlergehen unserer Schüler verantwortlich! Nehmen Sie sich morgen bitte in der ersten Stunde Zeit und besprechen Sie die einzelnen Vorschriften mit Ihren Schülern. Machen Sie ihnen klar, dass es von nun an Konsequenzen nach sich ziehen wird, wenn diese nicht eingehalten werden. Sie finden nach der Konferenz die aktualisierte Ausgabe der Hausordnung in Ihrem Fach.“
Lea seufzte. Sie konnte sich jetzt schon denken, welche Diskussionen das in ihrer Klasse auslösen würde.
„Frau Meinhardis!“
Lea zuckte zusammen, als sie ihren Namen hörte.
„Ich möchte Sie bitten im Anschluss in mein Büro zu kommen. Es gibt ein paar Dinge, die ich mit Ihnen besprechen muss. Ihnen wird in diesem Schuljahr eine besondere Aufgabe zufallen.“
„Ich…“, setzte sie an, weil sie im Anschluss noch einen Arzttermin hatte, den sie ungern verschieben wollte.
„Ich erwarte Sie dann“, unterbrach er sie eisig. Er mochte es nicht, wenn man ihm etwas abschlug – vor allem öffentlich.
Lea ärgerte sich. Dass er heute mit ihr sprechen wollte, wusste er sicherlich schon eine ganze Weile. Aber es passte zu ihm, sie ohne Ankündigung zum Gespräch zu zitieren.
Trotzdem, sie arbeitete gern hier. Das Gemeinschaftsgefühl, das das Leben in einem Internat mit sich bringt, hat schon was, auch wenn die Privatsphäre darunter litt. Darum hatte sie sofort zugegriffen, als sie kurz nach ihrem Dienstantritt hier auf Kaltenfels zufällig über ein Inserat gestolpert war, in dem ein Loft in einem alten, stillgelegten Fabrikgebäude aus dem 19. Jahrhundert angeboten wurde. Sie zögerte nicht lange, rief an und vereinbarte noch für denselben Tag einen Besichtigungstermin. Und sofort verliebte sie sich in das rote Backsteingebäude, das nur wenige Kilometer von Kaltenfels entfernt lag. Das war ihr eigenes Reich. Ihr Zimmer auf Kaltenfels war für die Lehrerin reserviert.
Endlich war die Konferenz zu Ende. Wieder wurden Stühle gerückt und die Kollegen fanden sich in Grüppchen zusammen. Auch Lea mischte sich unter die Leute und hielt Ausschau nach Simone. Aber es war Dominik Opitz, der ihr auf die Schulter tippte und sie anlachte, als sie sich umdrehte.
„Hast du das gehört? Das ist doch der Wahnsinn, oder? Normalerweise werden Fachbetreuungen nur im engsten Kreis weitergereicht. Und jetzt dürfen wir mal ran.“
„Ja, ich war auch ganz überrascht, dass Martin keinen Kronprinzen aufgebaut hat. Das ist die Chance.“ Ihr entging nicht, dass Dominiks Lächeln plötzlich etwas starr wirkte.
„Du bist doch zwei Jahre jünger als ich, oder?“ meinte er fast beiläufig und zupfte etwas an seinem Unterlippenbärtchen. Ließ sie aber nicht aus den Augen.
„Das schmeichelt mir aber, dass du meinen Geburtstag kennst“, zwinkerte sie ihm leicht amüsiert zu. Ihr war klar, dass in diesem Augenblick das Rennen um den Posten eröffnet war.
Und bevor Dominik noch etwas erwidern konnte, setzte sie ihr charmantestes Lächeln auf, streckte ihm die Hand entgegen: „Möge der bessere gewinnen.“
Dann sah sie Simone in der Menge. „Entschuldige Dominik, ich muss weiter.“
Simone war eine fröhliche Südfranzösin und eine Freundin, auf die man sich verlassen konnte. Ein Austauschprogramm zwischen den Partnerstädten Kaltenfels und Biot an der Côte d’Azur hatte sie letztes Jahr in die abgelegene Oberpfalz gelockt und der Liebe wegen war sie geblieben. Die war längst vorbei, aber Simone noch immer da. Sie begrüßten sich kurz und vereinbarten ein Treffen in den nächsten Tagen in Leas Loft. Dann musste sie auch schon weiter. Köstner wartete nicht gerne.
Einige Minuten später betrat sie Köstners Büro.
„Frau Meinhardis, ich habe Sie schon erwartet. Bitte setzen Sie sich.“ Er kam ohne Umschweife sofort zum Punkt:
„Sie werden dieses Jahr als Mentorin für eine neue Schülerin eingesetzt. Ich denke…“ Er warf ihr einen schnellen, abschätzigen Blick zu, „…das dürfte auch in Ihrem Interesse sein. Dieses Jahr gilt es Punkte zu sammeln.“
„Mir geht es nicht ums Punktesammeln, Herr Köstner. Und Sie wissen, dass ich immer gerne Mentorin für unsere Neuankömmlinge war. Wen soll ich denn dieses Jahr betreuen?“ Auch sie hatte keine Lust drumherum zu reden.
„Das Mädchen heißt Charlotte Valentin, ist 18 Jahre alt. Sie wird also nur ein Jahr hier sein, aber…“ er schlug seine Beine übereinander und lehnte sich zurück, „…es ist nicht nur die übliche Schülerbetreuung.“
„Sondern?“
„Charlotte ist die Tochter des Bundestagsabgeordneten Dr. Valentin. Er macht sich Sorgen um seine Tochter, deren Entwicklung eine Richtung eingeschlagen hat, die er für… hm, sagen wir mal… bedenklich hält. Er möchte, dass wir ein Auge auf seine Tochter werfen.“
„Was für eine Richtung soll das denn sein, Herr Köstner?“ Lea war etwas irritiert.
„Das hat mir Dr. Valentin nicht verraten. Er wollte seine Tochter nur so weit wie möglich weg von München haben.“
„Aber…, sie ist volljährig. Was verspricht er sich davon? Wir werden sie kaum festbinden können.“
„Deshalb möchte ich ja auch, dass Sie sich um das Mädchen kümmern. Sie scheinen ausnehmend gut mit Ihren Schülern zurechtzukommen. Die mögen Sie.“ Die Miene, die er bei diesen Worten machte, ließ ahnen, wie wenig er davon hielt. Er war vom alten Schlag. Schüler hatten ihre Lehrer zu respektieren, nicht zu mögen.
„Ich werde Charlotte betreuen, aber was das andere betrifft…“
„Dr. Valentin hat sich als sehr… großzügig erwiesen, Frau Meinhardis“, unterbrach er sie scharf. „Ich denke, ich habe mich klar ausgedrückt. Und ich verlasse mich auf Sie.“
Charlie wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Sie stand vor ihrem Vater, der sie wie eine Angestellte in sein Büro zitiert hatte. Breit saß er hinter seinem Schreibtisch und fixierte sie.
„Es ist entschieden, Charlotte. Ich hab dir damals schon gesagt, wenn so etwas noch einmal vorkommt, dann wird es Konsequenzen geben.“
Sie versuchte die eine Träne, die sich verräterisch aus ihrem Auge gestohlen hatte, unauffällig wegzuwischen. Sie wollte ihm nicht die Genugtuung geben, sie weinen zu sehen.
„Damals wollte ich daran glauben, dass es nur eine Phase war. Nun, ich war wohl zu gutgläubig. Du wirst auf dieses Internat gehen und bis zum Abitur dortbleiben. Damit dürfte sich auch die Sache mit Pat erledigt haben. Pat!“ wiederholte er abfällig und schaute sie dabei an, als wäre sie eine zähe Masse, in die er getreten war und die jetzt an seinem Schuh hing. „Patricia! Du hast mich also auch noch angelogen!“
„Es ist mein Leben! Ich liebe, wen ich will.“ Sie fühlte sich ohnmächtig und hasste sich, weil sie so kleinlaut klang, statt selbstbewusst vor ihm zu stehen.
„Du kannst mich hinschicken, wohin du willst. Das ändert nichts daran, wer ich bin.“
Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Du bist meine Tochter. Du tust, was man dir sagt. Und damit ist die Diskussion beendet. Breitmann wird dich morgen fahren. Lass ihn nicht warten.“
Erst als sie wieder in ihrem Zimmer war, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Sie umarmte Ludwig, ihren irischen Wolfshund-Mix und wischte sich die Wangen an seinem Fell ab. Ihn würde sie am meisten vermissen.
Morgen! Er hatte ihr nicht einmal so viel Zeit gegeben, um sich von ihren Freunden zu verabschieden. Sie konnte es nicht fassen. Das alles wegen eines Kaffees mit dem falschen Menschen.
Der schwarze Mercedes schnurrte leise die Landstraße entlang. Nicht mehr lange, dann würden sie Kaltenfels erreichen. Charlie saß allein im Fond des Wagens. Weder ihr Vater noch ihre Mutter hatten die Zeit gefunden, sie zu begleiten. Sie waren nicht einmal mehr dagewesen, als sie am Morgen zum Frühstück erschien. Nur Magda war da, die gute Seele, die, seit sie denken konnte, den Haushalt führte. Und nicht nur das. Magda, dick und rosig, resolut und liebevoll, war ihr in all den Jahren mehr Mutter gewesen als die immer kühle Ernestine Valentin, die lieber mit Champagner in der Hand Kunstausstellungen besuchte und die Vormittage im Tennisclub verbrachte. Charlie mutmaßte, dass sie sich dort nicht immer nur mit ihren sogenannten Freundinnen traf, sondern sich eher von ihrem Trainer durchvögeln ließ. Und Magda war es, die sie zum Abschied umarmte, sich eine Träne wegwischte und ihr einen dicken Kuss auf die Wange gab.
„Pass auf dich auf Charlie. Und denk dran – es ist nur für ein Jahr. Du bist ganz schnell wieder daheim.“
Dann war auch schon Breitmann da, nahm ihren Koffer und hieß sie mit einem Nicken einsteigen. Sie sprachen wenig auf der Fahrt. Der ohnehin wortkarge Chauffeur ihres Vaters antwortete eher einsilbig auf ihre Fragen. Sie wusste auch nicht wirklich, worüber sie sich mit ihm hätte unterhalten sollen. Und so schaute sie einfach nur aus dem Fenster, beobachtete, wie sich die Landschaft veränderte. Sie ließen die Berge hinter sich, München, eine Vielzahl kleinerer Städte, bis sie nur noch durch Dörfer fuhren, die in schier endlose Felder eingebettet schienen. Kaltenfels war am Arsch der Welt. Sie hatte es gewusst!
„Wir sind bald da“, unterbrach Breitmann ihre tristen Gedanken. Und tatsächlich sah sie nur ein kurzes Stück entfernt ein Gebäude, das an ein altes Kloster erinnerte. Weiß und kalt lag es vor ihr – auf einem Hügel. Sie fluchte. Noch weiter von der Zivilisation konnte das Teil ja gar nicht sein. Hatten die überhaupt Internet? Das war keine Schule. Das war Fort Knox auf bayerisch! Erst als sie die gewundene Straße hinauffuhren, wirkte die Anlage freundlicher. Die schmiedeeisernen Torflügel waren weit geöffnet. Okay, einsperren würde man sie hier also schon mal nicht.
Vor dem Portal hielt der Wagen. Breitmann holte aus dem Kofferraum ihr Gepäck und stellte es neben die Steinstufen, bevor er den Schlag öffnete und sie aussteigen ließ. Dann tippte er ihr auf die Schulter, damit sie ihm folgte. Sie gingen hinauf zum Portal, über dem ein steinernes Wappen angebracht war. Der Löwe darauf – war das überhaupt einer? – grinste auf sie herab – und sie zurück. ‚Zähne zeigen‘ sagte sie sich und betrat die Eingangshalle.
Rechts, hinter einem Empfangstresen stand eine große schlanke Frau im strengen Business-Look, mit locker hochgestecktem blondem Haar. Sie blickte vom Computer auf und ging dann mit einem Lächeln auf Charlie zu. Sie reichte ihr die Hand.
„Willkommen in Kaltenfels. Du musst Charlotte Valentin sein. Ich freu mich, dass du jetzt auch hier bei uns bist. Ich habe dich schon erwartet. Ich bin Lea Meinhardis. Ich darf in diesem Jahr deine Mentorin sein und dir ein bisschen zur Seite stehen, damit du dich hier schnell eingewöhnst.“
Charlie war überrascht. Mit einer so freundlichen Begrüßung hatte sie nicht gerechnet. ‚Sympathisch‘, dachte sie, als sie sich ihre neue „Mentorin“ – hoffentlich unauffällig – näher anschaute.
„Ja, bin ich“, sagte sie schnell.
Meinhardis nickte ihr aufmunternd zu. „Na, dann komm. Ich zeig dir erst einmal dein Zimmer.“ Dann nahm sie einen der Koffer und ging voran in Richtung der großen Treppe, die wahrscheinlich zum Wohntrakt der Mädchen führte. Charlie beeilte sich hinterherzukommen.
„Du kannst dann deine Sachen schon mal auspacken und dich frisch machen. Wir treffen uns alle in einer halben Stunde im großen Sitzungssaal. Paula, deine Mitbewohnerin, wird dich dorthin mitnehmen. Und danach zeige ich dir den Rest der Schule, wenn du magst?“
Charlie war leicht überfordert von der ganzen Situation und brachte nur ein „Okay, ja, danke“ heraus und folgte ihr die Treppen hoch zu ihrer neuen Bleibe.
Ihr Zimmer war hell und freundlich, mit modernen Möbeln und hohen Fenstern. Auf dem linken Bett lagen eine Menge Stofftiere. Das war also Paulas Bett. Charlie seufzte und legte ihren Koffer auf das andere und suchte das Badezimmer. Es war an ihr Zimmer angeschlossen. Sie musste es sich also nur mit dieser Paula teilen. Es war unschwer zu erkennen, welche Seite ihrer Mitbewohnerin gehörte. Auch da waren kleine Stofftierchen an den Spiegel und jede Menge anderer Kram lag herum. Charlie schaute in den Spiegel. Ihre dunkelbraunen Locken waren streng nach hinten gekämmt und zu einem Pferdeschwanz gebunden. ‚Offen oder nicht‘, fragte sie sich, öffnete das Haarband und schüttelte ihre Haare aus.
„Wow“, sagte eine Stimme hinter ihr und schreckte sie aus ihren Gedanken auf. „Ich wünschte, ich hätte so eine Mähne wie du. Lass sie offen, das schaut toll aus.“ Charlie drehte sich schnell um.
„Ich bin Paula“, lächelte ein zierliches Mädchen mit halblangen, rötlichbraunen Haaren und Brille, „deine Mitbewohnerin. Sorry, hab‘ ich dich erschreckt? Wollte ich nicht.“ Paula kam herein und fegte ihre Sachen beiseite. „So, jetzt hast du auch Platz. Schieb mein Zeug einfach weg, wenn es dich stört.“
„Hi“, sagte Charlie, „schon okay. Stört mich nicht. Ich bin Charlie.“
„Klar.“ Paula blickte an sich herunter. „Ich muss mich noch umziehen, bevor wir uns unten alle treffen. Shorts kannst du hier vergessen.“ Sie schlüpfte schnell in ihre Jeans und ein schwarzes T-Shirt, mit der Aufschrift ‚C'est la fucking vie‘. Charlie lachte: „Cooles Shirt.“ Und damit war das Eis gebrochen.
„Was passiert denn unten, im“ – Charlie malte Anführungszeichen in die Luft – „großen Sitzungssaal?“
„Ach nichts Wichtiges. Nur das übliche Willkommens-Bla-bla, bevor wir uns in die Klassenzimmer aufteilen. Du bist in meiner Klasse, oder? 13a?“
„Ich glaub schon.“ Sie zögerte kurz, dann fragte sie: „Kennst du die Meinhardis? Die soll meine Mentorin sein. Was auch immer das heißen soll. Jedenfalls hat die mich unten abgepasst und zugetextet, als sie mich hier hochbrachte.“
„Echt jetzt? Die hat dich extra begrüßt und dich auf dein Zimmer gebracht? Bist du irgend so ein It-Girl oder Influencerin? Muss man dich kennen?“
„Oh Gott, nein, eher das Gegenteil“, lachte Charlie. „Die hatte wahrscheinlich Angst, dass ich mit einer Zigarette Löcher in die Tapeten brenne.“
„Ach, Quatsch. Die ist voll in Ordnung. Sei froh, dass die deine Mentorin ist. Mit der kann man echt reden, wenn mal was ist. Aber komm jetzt, wir müssen los, bevor wir zu spät sind. Das mögen die gar nicht.“
2Zwischenfall
und wir spielen.Arthur Schopenhauer
Parerga und Paralipomena
„Bitte setz dich.“ Meinhardis schaute sie freundlich an und nickte in Richtung des Sessels auf der anderen Seite des Tisches. Charlie kam der Aufforderung nach und schaute sich um. Das Besprechungszimmer wirkte hell und einladend. Durch die großen Fenster schien die nachmittägliche Sonne und tauchte den Raum in ein warmes Licht.
„Ich habe dich hierhergebeten, weil ich wissen wollte, wie es dir geht. Du bist jetzt seit einer Woche hier. Konntest du dich schon ein bisschen einleben?“
Charlie nickte. Bisher hatte sie noch nie eine Mentorin gehabt und keine Ahnung, was sie jetzt erwartete. Meinhardis war zwar nett, aber wer weiß? Ihrem Vater würde sie es durchaus zutrauen, ihr einen Aufpasser unterzujubeln. Also, sollte die doch reden. Sie verschränkte ihre Arme und lehnte sich zurück.
Meinhardis lächelte ein wenig. „Keine Sorge, ich will wirklich nur wissen, ob du dich hier wohlfühlst.“
„Passt schon“, nuschelte sie ein wenig und räusperte sich dann. „Ich hab’s mir schlimmer vorgestellt.“
„Ja, der alte Kasten hier kann schon ein wenig einschüchternd wirken. Die Kids nennen die Schule „Schloss“. Soll wohl ein Euphemismus sein, weil das Gebäude eher wie eine Festung ausschaut und nicht gerade wie ein Märchenschloss.“
Charlie lachte trocken auf. ‚Schloss‘! Genau ihr Humor. „War das früher nicht ein Kloster?“
„Ja, ich glaub schon. Und später war mal der Denkmalschutz hier drin.“
„Na, zumindest gibt’s hier keine Verliese.“ Charlie taute etwas auf. „Oder Gitter an den Fenstern.“
Meinhardis lachte. „Ich glaub, so manch einer von der Schulleitung sähe das recht gerne. Hin und wieder schleichen sich nachts die jüngeren Schüler raus, um hinten am Teich zu rauchen.“
„Sie wissen das?“ Charlie schaute etwas skeptisch.
„Na klar. Ich kenn doch meine Pappenheimer. Aber offiziell weiß ich natürlich nichts.“ Meinhardis zwinkerte ihr zu.
„Ah“, sagte Charlie gedehnt. Sie wusste nicht genau, was sie antworten sollte. ‚Tut die nur so, um mich einzuwickeln oder ist die echt so cool drauf?‘ Laut Paula soll sie ganz in Ordnung sein. Charlie entspannte sich etwas.
„Naja, komisch ist es schon ein bisschen. Aber ist im Prinzip auch nur wie jede andere Schule. Und die meisten hier sind okay. Mit Paula verstehe ich mich jedenfalls super.“
„Das freut mich.“ Meinhardis schaute sie einen Moment nachdenklich an.
„Ich möchte dich gerne etwas fragen. Du musst nicht antworten, wenn du nicht willst. Ich habe gehört, du bist nicht ganz freiwillig auf Kaltenfels? Das war sicher nicht leicht für dich, ausgerechnet für das letzte Jahr auf eine andere Schule zu müssen und all deine Freunde zurückzulassen. Darf ich fragen, warum du wechseln musstest? Deine Noten sind doch ganz in Ordnung.“
Charlie zögerte kurz, dann gab sie sich einen Ruck. ‚Scheiß drauf, warum ein Geheimnis draus machen?‘
„Meinem Vater hat mein Umgang nicht gepasst.“
Meinhardis nickte verständnisvoll. „Es gab wohl einen jungen Mann, der seinen Ansprüchen nicht genügt hat?“
Charlie schnaubte. „‚Seinen Ansprüchen nicht genügt‘. Es hat ihm nicht gepasst, dass ich ein Date mit einer Frau hatte.“
„Oh.“
„Er hat mich hierhergeschickt, weil er dachte, wenn ich nur weit genug weg bin, dann würde ich auf andere Gedanken kommen. Das heißt, dann würde ich mir brav einen Mann suchen, wenn ich wieder nach Hause darf.“
Meinhardis schüttelte den Kopf. „Das ist doch Blödsinn. Man liebt, wen man liebt. Das sucht man sich nicht aus. Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter.“
„Tja, das hat sich anscheinend noch nicht bis zu meinem Vater herumgesprochen. Klar nach außen hin macht er auf tolerant und weltoffen – für seine Wähler. Wir leben in München. Ein homophober Politiker hätte keine Chance, gewählt zu werden. Aber daheim, da ist das ganz anders. Es war nicht das erste Mal. Ich hatte eine Freundin, als ich fünfzehn war. Mann, ist der ausgeflippt. Das können Sie sich gar nicht vorstellen. ‚Pervers‘ war noch das Netteste, was er zu mir gesagt hat.“
„Das tut mir wirklich leid für dich. Du hast es nicht leicht daheim. Vielleicht ist es ganz gut, dass du jetzt etwas Abstand hast. Hier sieht es zwar aus wie vor ein paar hundert Jahren, aber sowas interessiert hier keinen. Klar gibt es auch bei uns Idioten. Aber wo gibt es die nicht?“
‚So übel ist die wirklich nicht.‘ Charlie hing ihren Gedanken nach, als sie sich etwas später auf den Weg zu dem kleinen Teich machte, an dem angeblich nachts die Zwerge qualmten. Der lag abgelegen im hinteren Teil des Parks, der zur Schule gehörte. ‚Nicht schlecht‘, dachte sie. Hier war man ungestört. Ein paar Büsche sorgten dafür, dass man vom Schulgebäude aus nicht gesehen werden konnte. Sie breitete die Decke aus, die sie mitgebracht hatte, und legte sich darauf. Es war Freitagnachmittag und sie wollte die letzten Sonnenstrahlen genießen und ein bisschen lesen: Die Stadt der träumenden Bücher von Walter Moers. Ihr Vater hielt sowas für verschwendete Zeit. Aber sie liebte die Fantasie und die Sprache seiner Bücher. Und was wusste ihr Vater schon?
Ihre Gedanken schweiften jedoch ab und sie dachte an Meinhardis. Es überraschte sie, wie sympathisch sie die junge Lehrerin fand. Und wie geschmeichelt sie sich gefühlt hatte, als sie ihr am Ende des Gespräches angeboten hatte, in ihrer Geschichts-AG am diesjährigen Projekt mitzuarbeiten. Sie hatte spontan zugesagt. Warum wusste sie selbst nicht so genau. Sonst hielt sie lieber Abstand von Lehrern. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf.
Sie zog gerade ihr Buch heran, um doch noch ein paar Zeilen zu lesen, als sie plötzlich Schritte hinter sich hörte. Überrascht blickte sie auf, als sie die Stimme erkannte: Anselm Hitzfeld. Ausgerechnet der! Und noch dazu allein. ‚Sonst hängt er doch immer mit seinen beiden Besties Patrick und Raphael ab.‘
„Hi, versteckst du dich hier?“ Er ragte vor ihr auf und sie konnte ihn nur als Schatten sehen. Und auch wenn sie nicht Diogenes war, nervte sie das.
„Mann, geh zur Seite, du stehst mir in der Sonne. Was willst du hier?“
„Nix. Ich wollte nur eine qualmen, dann hab ich dich gesehen.“ Er setzte sich, ohne zu fragen, neben sie auf die Decke und hielt ihr die Schachtel hin. „Auch eine?“
„Nein danke, ich rauch nicht.“
„Dann halt nicht. Was machst du hier überhaupt?“
„Lesen. Siehst du doch. Oder denkst du, das Buch liegt nur zur Deko hier?“
‚Lesen!‘ Bei ihm klang das wie eine Geschlechtskrankheit. „Ich wüsste da was viel Besseres.“ Er schaute sie zweideutig an.
Charlie verdrehte die Augen. „Dass ihr Typen an nichts anderes denken könnt.“
„Macht halt auch Spaß.“ Er nahm einen tiefen Zug, legte den Kopf zurück und ließ den Rauch langsam entweichen. „Sorry, das war blöd. Eigentlich wollte ich dich nur fragen, ob du Lust hast, am Wochenende mit aufs Spiel zu kommen?“
„Welches Spiel?“
„Fußball. Wir spielen gegen Rothenburg. Ich fahr mit meinem Bike hin.“ Er schaute sie fragend an. „Ich hab auch einen zweiten Helm.“
„Ne du, lass mal, ich steh da nicht so drauf.“ Sie hatte keine Lust zweiundzwanzig Jungs dabei zuzuschauen, wie sie hinter einem Ball herrannten.
Er stand auf. „Überleg’s dir. Wir könnten hinterher noch ein bisschen rumfahren und so.“
Dann schnippte er seine Kippe ins Gras und ging zurück zum Schulkomplex.
Charlie schüttelte den Kopf. Bisher hatte er sie nur ignoriert. Und jetzt wollte der ein Date! ‚Nope‘, sagte sie sich. Kein Anselm, kein Fußballspiel und erst recht keine Fahrt wer weiß wohin.
Ein letzter Blick in den Spiegel, dann griff sie nach ihrem Trolley und ging zum Lehrerparkplatz. Neben ihrem Wagen wartete schon Simone.
„Hey, du bist spät dran. Wir wollten doch schon um drei los.“
„Ja, ich weiß. Tut mir leid. Ich hatte gerade noch ein Gespräch mit der neuen Schülerin, die mir Köstner zum Mentoring zugewiesen hat. Das hat ein bisschen länger gedauert.“
„Na dann, lass uns fahren. Ich möchte vorher noch ins Hotel. Das wird eh schon knapp.“
„Das schaffen wir schon“, beruhigte Lea sie, startete ihren Wagen und fuhr die gewundene Auffahrt zur Bundesstraße runter. Es war gerade mal halb vier und bis sieben sollten sie locker in München sein. Sie hatten für zwanzig Uhr einen Tisch im Polynesia reserviert. Sie wollten schick essen gehen, ein bisschen bummeln und abends in ein paar Clubs vorbeischauen.
„Wie ist sie überhaupt“, unterbrach Simone nach einer Weile die Stille.
„Wer?“ Leas Gedanken waren längst weitergewandert und Simones Frage verwirrte sie.
„Na die neue. Die mit dem Politikervater. Wie heißt sie gleich wieder?“
„Ah, du meinst Charlotte. Scheint ganz in Ordnung zu sein. Ein bisschen zurückhaltend noch. Aber sie ist ja auch erst eine Woche hier.“
„Hast du herausgefunden, warum sie zu uns abgeschoben wurde?“
Lea wägte ab, wie viel sie ihrer Freundin erzählen konnte.
„Ich glaube, sie hat daheim ein paar Probleme. Vielleicht ist es ganz gut, wenn sie da eine Weile rauskommt.“
„Hm, ok. Sonst hat sie nichts erzählt?“
„Doch, eine ganze Menge. Aber das waren alles eher vertrauliche Sachen.“
„Ah, verstehe. Na, dann scheint es ja gut zu laufen, wenn sie dich gleich beim ersten Gespräch ins Vertrauen zieht.“
„Ich denke schon. Sie will jedenfalls bei unserem Projekt mitmachen. Sie integriert sich.“
„Ok.“ Simone ließ das Thema fallen. „Aber was ist mit Dominik und dir?“
„Was soll da sein?“
„Na, seit das mit der Fachbetreuung raus ist, schaut der dich immer so komisch an.“
„Ach soll er doch. Ich mach mein Ding und er soll seines machen. Wird sich dann schon zeigen, für wen Bauer sich entscheidet.“
„Pass bloß auf. Der überholt gerne rechts.“
„Mach ich.“
Simone holte ein Taschenbuch heraus. „Wenn ich dich beim Fahren ablösen soll, sag was.“
„Passt schon, so lange ist es ja nicht mehr.“
Sie waren wirklich fast da und Lea freute sich auf ein lockeres Wochenende. ‚Essen, Musik, Cocktails‘ – genau in dieser Reihenfolge.
Inzwischen war es draußen dunkel geworden und Charlie längst wieder auf ihrem Zimmer. Und ihr war langweilig. Wenn wenigstens Paula hier wäre. Aber die war zu ihren Eltern heimgefahren.
Auf Lesen hatte sie keine Lust mehr, Netflix kannte sie praktisch auswendig und ihr fiel nichts ein, womit sie sich ablenken könnte. Sehnsüchtig wanderte ihr Blick zum Fenster. Freitagabend! Daheim in München wäre sie jetzt mit den Mädels durch die Clubs gezogen. Aber hier? Klar gab es auch in einem Kaff wie Kaltenfels ein paar Kneipen. Aber das war kein Vergleich. Und allein losziehen? Auch irgendwie blöd. Trotzdem, es zog sie nach draußen. Sie wollte einfach mal wieder irgendwo abhängen.
Kurzentschlossen stieg sie in ihre Klamotten und machte sich auf den Weg, um sich für ein paar Stunden abzumelden. Frau Lorenz war cool. Die hatte sie in Deutsch. Und Paula zusätzlich in Latein. ‚Leistungskurs Latein!‘ Für Charlie war es unbegreiflich, wie man sich sowas freiwillig antun konnte. Ihr reichte schon Französisch – als Grundkurs!
„Wann sind Sie denn zurück, Valentin?“
Charlie schaute auf ihre Uhr. Jetzt war es zwanzig Uhr. Drei Stunden müssten reichen. Sie wollte ja nur mal runter in den Ort.
„Dreiundzwanzig Uhr bin ich wieder da.“
„In Ordnung.“ Lorenz gab ihr noch den Code für den Seiteneingang, damit sie später wieder reinkonnte. Dann war sie auch schon verschwunden, holte ihr Fahrrad aus dem Schuppen und fuhr los.
Bald schon hatte sie den kleinen Ort erreicht und war froh, die unbeleuchtete Straße hinter sich zu lassen. Am Marktplatz hielt sie an. Hier würde sie die größte Chance haben, ein Lokal oder eine Kneipe zu finden, ohne lange suchen zu müssen. Und richtig, ein Stück weiter vorne sah sie die Leuchtanzeige einer Billardkneipe. ‚Besser als nichts‘, dachte sie und trat ein.
Der Anruf hatte sie nach dem dritten Cocktail erreicht. Natürlich konnte sie an diesem Abend nicht mehr zurückfahren. Es war also schon fast Samstagnachmittag, als sie wieder auf Kaltenfels ankam. Simone würde später nachkommen.
Köstner hatte am Telefon kaum etwas gesagt. „Ein Unfall.“ Sie machte sich Sorgen. Was war mit Charlotte passiert?
„Frau Meinhardis“, begrüßte Köstner sie kühl, nachdem sie sein Büro betreten hatte. „Es ist erfreulich, dass Sie sich entschlossen haben, Ihr Wochenende zu unterbrechen.“
Er bot ihr keinen Platz an und so stand sie vor seinem Schreibtisch. Sie ärgerte sich über diese kleinliche Machtdemonstration. Köstner und sie waren nie wirklich miteinander warm geworden. Er stand ihr von Anfang an ablehnend gegenüber, warum auch immer. Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich. Schließlich war sie kein Schulmädchen mehr – und er einfach nur unhöflich.
„Nun, Herr Köstner. Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte. Was ist passiert? Sie haben sich ja am Telefon leider kaum dazu geäußert.“ Nun lehnte sie sich zurück – und ihr Blick war nicht minder kühl.
„Ich hatte Ihnen mitgeteilt, dass Valentin einen Unfall hatte“, wies er sie zurecht. „Gestern wurde ich spät abends von der Polizei informiert, dass eine unserer Schülerinnen mit dem Fahrrad in ein geparktes Auto gefahren war. Man hatte sie notärztlich untersucht und dann ins Klinikum in die Kreisstadt gebracht. Sie hat diverse Schürfwunden und sich wohl die Schulter ausgerenkt.“
‚Autsch‘, durchfuhr es Lea.
„Das arme Mädchen. Das muss verdammt schmerzhaft sein.“
Köstner schaute sie kurz irritiert an. „Ja, das auch. Wir haben natürlich sofort ihre Eltern informiert. Herr Valentin ist in Berlin und seine Frau… nun, die scheint anderweitig verpflichtet zu sein.“
Lea schüttelte den Kopf. Charlotte hatte nicht untertrieben, als sie vom ‚ambivalenten‘ Verhältnis zu ihren Eltern gesprochen hatte.
„Wie lange muss sie im Krankenhaus bleiben?“
„Ein paar Tage werden es wohl sein.“
„Gut“, Lea erhob sich. „Ich werde mich um sie kümmern.“
„Davon gehe ich aus, Frau Meinhardis. Herr Valentin ist sehr in Sorge um seine Tochter und wünscht, dass man sich gut um sie kümmert.“
Lea lachte kurz humorlos auf. Sie konnte es sich nicht verkneifen. „Warum sitzt er dann nicht selbst an ihrem Bett und ‚kümmert sich‘?“
„Er wird seine Gründe haben.“
„Ganz sicher“, antwortete sie und verließ nach einem kurzen Gruß das Büro.
Lea war bestürzt. Für diese Familie schien alles wichtiger zu sein als die eigene Tochter. Sie schaute auf die Uhr. Kurz nach dreizehn Uhr. Sollte sie noch warten? Sie würde etwas mehr als eine halbe Stunde zum Klinikum Amberg brauchen. ‚Nein‘, entschied sie, ‚jetzt!‘
3Annäherung
Im Zwielicht seh' ich dein Gesicht
Berühr ich dich voll Zuversicht
Und was uns trennt, das seh' ich nicht
Im Schatten bleibt dann jedes Wort
Versteckt sich hier und dann auch dort
Schwebt leise flüsternd immerfort
Zu dir, zu dir, zu deinem Ort.Gaëlle Amandier
(fiktive Dichterin)
Charlie lag in ihrem Bett, fühlte sich elend und benommen von den Schmerzmitteln. Sie tat sich selbst ein bisschen leid. Es sollte nur ein kleiner Ausflug werden, ein paar Stunden ein bisschen abhängen. Und dann das! Dieses Kack Kaltenfels hatte ja kaum Laternen. Sie hatte den schwarzen Wagen in der Dunkelheit einfach nicht gesehen, der stand plötzlich einfach da. Und eine Sekunde später hatte sie auch schon das Heck umarmt.
Es klopfte. ‚Oh mein Gott, bitte lass es nicht meine Eltern sein.‘ Die waren die letzten, die sie jetzt sehen wollte. Aber es war Meinhardis, die mit einem Buch und Schokolade in der Hand hereinkam.
„Hallo Charlotte…“
„Oh, bitte nicht Charlotte. Bitte nennen Sie mich Charlie.“
„Ok, Charlie. Das sieht ja heftig aus. Wie geht es dir denn?“
Charlie war es klar, dass sich Meinhardis denken konnte, wie es ihr ging. Aber sie freute sich über die kleine Geste. Ihre Stimme klang tatsächlich besorgt.
„Geht schon“, krächzte sie ein bisschen, weil sie den ganzen Tag noch kaum ein Wort gesagt hatte. „Aber Olympia wird wohl noch eine Weile auf mich verzichten müssen.“
Meinhardis lachte. „Na, wenigstens hast du deinen Humor nicht verloren.“
Sie zog sich einen Stuhl heran. „Ich hab dir eine Kleinigkeit mitgebracht. Ich hab gestern gesehen, dass du ‚Die Stadt der träumenden Bücher‘ liest. Das ist eines meiner Lieblingsbücher. Und ich hab mir gedacht, vielleicht magst du ja auch die Fortsetzung? Und ein bisschen Schokolade als Seelennahrung.“
Meinhardis reichte ihr beides, schaute dabei ein bisschen verlegen.
Charlie strahlte. „Wow, ja. Wahnsinn, dass Sie das bemerkt haben. Vielen, vielen Dank. Das hätte es nicht gebraucht. Auch dass Sie gekommen sind. Ich mein… nicht mal meine Eltern sind da. Und es ist Wochenende, Sie haben doch frei…“ In einer spontanen Geste richtete sie sich auf, wollte Meinhardis umarmen.
„Shit! Verdammt tut das weh!“
„Bleib liegen, Charlie. Und du musst dich nicht bedanken. Ich mache das gerne.“ Sie lächelte, griff nach Charlies Hand und drückte sie ein wenig, bevor sie sich wieder zurücklehnte.
Aber Charlie hielt ihre Hand fest. „Nein, ich meine das ernst. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Sie sind einfach… Danke.“ Und für einen kurzen Augenblick trafen sich ihre Blicke. Keine sagte ein Wort.
Dann räusperte sich Meinhardis. „Schon gut. Ich denke, du musst dich jetzt ausruhen. Das war bestimmt anstrengend für dich. Wenn du irgendetwas brauchst“, sie kramte in ihrer Tasche, zog eine Visitenkarte heraus, „das ist meine Dienstnummer. Meld‘ dich einfach.“
Dann ging sie. Zurück blieben nur ein Hauch ihres Parfüms und ein Gefühl, das Charlie nicht benennen konnte.
‚Das Buch war genau richtig.‘ Lea lächelte, als sie daran dachte, wie überrascht Charlie gewesen war und wie sehr sie sich gefreut hatte. Sie war froh, dass sie zu ihr gefahren war. Auch wenn sie am Montag schon wieder zurück an der Schule wäre, man lässt doch niemanden nach einem Unfall allein im Krankenhaus, oder?
Und wie verloren sie gewirkt hatte! Mit ein bisschen Galgenhumor wollte sie es zwar überspielen, aber wie einsam und ungeliebt muss sie sich fühlen, wenn es niemand in ihrer Familie für nötig hält, sie nach so einem Erlebnis zu besuchen, ihr Trost zu spenden.
Sie konnte sich kaum vorstellen, wie es ist, in einem solchen Umfeld zu leben. Sie selbst war in einem liebevollen Zuhause aufgewachsen. Nie hätten sie ihre Eltern allein gelassen. Sie hatte sie viel zu früh verloren. Der Verlust schmerzte noch immer.
Sie schüttelte den Kopf, um die trüben Gedanken loszuwerden. Es ging hier nicht um sie, sondern um Charlie. Und sie nahm sich vor, sich ein wenig mehr um sie zu kümmern. Nicht aus Mitleid. Sie fühlte sich irgendwie… verantwortlich.
Es war noch immer Nachmittag, als sie wieder zurück auf Kaltenfels war. Sie hatte keine Lust, nochmal nach München zu fahren. Simone musste heute Abend ohne sie feiern. Vielleicht sollte sie auch ein wenig lesen. Sie betrachtete ihr Bücherregal. Dann lächelte sie und zog ‚Die Stadt der träumenden Bücher‘ heraus.
Es war der typische Montagmorgen. Die Kollegen trafen nacheinander im Lehrerzimmer ein, bestätigten sich gegenseitig, wie kurz doch das Wochenende gewesen war und schimpften, dass noch niemand Kaffee gemacht hatte.
Köstner kam auf sie zu. „Frau Meinhardis, guten Morgen. Ich habe gehört, Sie waren bei der kleinen Valentin?“ Die Schule ist ein Mikrokosmos, besonders auf einem Internat. Nichts blieb verborgen.
„Ja, das war ich. Sie sollte doch heute wieder zurück sein. Ist noch etwas passiert?“
„Nein, es interessiert mich nur. Ich kann das an ihren Vater weitergeben. Er wird zufrieden sein.“
Lea spürte, wie ihr heiß wurde. Sie hatte das nicht gemacht, um Herrn Valentin zufrieden zu stellen. Sie biss sich auf die Lippe. ‚Sag nichts. Es ist egal, was er denkt.‘
„Dann ist es ja gut. Vielleicht wird er sich ja jetzt weiterhin als großzügig erweisen.“ Diese kleine Spitze konnte sie nicht lassen.
„Sie haben recht.“ Ihr Sarkasmus war ihm wohl entgangen. Und Opitz ebenso.
„Na, versuchst du dich hochzuschleimen? Wenn man von einem Bundestagsabgeordneten protegiert wird, lässt es sich leicht die Karriereleiter hochsteigen.“
Sie ließ sich nicht provozieren. „Neidisch, Dominik? Das tut mir aber leid für dich.“
Er warf ihr einen finsteren Blick zu und ließ sie stehen.
„Was hast du denn mit Opitz schon wieder?“ fragte Simone kurz darauf, als sie zusammen zu ihren Klassen gingen.
„Ich? Nichts. Der denkt ich hätte Charlie aus Berechnung besucht, um ihn auszustechen.“
„Ich hab’s dir doch gesagt. Pass auf. Der ist scharf auf die Fachbetreuung. Der wird sich noch irgendwas einfallen lassen.“
„Ach komm. Was soll das denn sein? Der ist gerade nur über sein kleines Ego gestolpert.“
Dann piepste ihr Handy. Sie blieb stehen, um es aus ihrer Tasche zu ziehen. Es lag wieder einmal ganz unten.
„Wir sehen uns später“, meinte Simone noch, die weiter zu ihrer Klasse ging.
„Alles klar“, antwortete sie automatisch.
„Hi“, las sie die WhatsApp, „ich bin wieder da. Geht mir schon besser. Wollte nur nochmal Danke sagen, dass Sie am Samstag da waren. Sie sind die Beste. ️“
Charlie hatte gerade ihre WhatsApp abgeschickt, als sich Paula neben sie setzte.
„Na, was grinst denn du so? Die Medis können es nicht mehr sein.“
„Ach nix. Ich hab mich grad nochmal bei der Meinhardis bedankt.“
„Ah“, antwortete Paula und warf Charlie einen eigenartigen Blick zu. „Schon der Hammer, dass die dich besucht hat.“
„Ja, finde ich auch.“ Charlie lächelte vor sich hin. „Du hattest recht. Die ist echt in Ordnung.“
„Ah“, kam es wieder nur von Paula. Dann wechselte sie das Thema.
„Was macht deine Schulter?“
„Tut immer noch scheiße weh. Aber wenigstens ist es nur die linke. Schreiben kann ich.“
„Das wird noch eine ganze Weile so sein. Ist meinem Bruder auch passiert. Beim Judo. Der hat geheult wie ein Baby. Tut mir echt leid, was dir passiert ist.“ Sie schaute Charlie mitfühlend an. „Sag was, wenn du was brauchst.“
„Meine Damen, Ruhe dahinten!“ Opitz war ins Klassenzimmer gekommen. Charlies Oberlippe kräuselte sich. Sie konnte ihn nicht ausstehen. Es war Abneigung auf den ersten Blick. Er war… Sie konnte es nicht genau benennen. Aber er war einer von denjenigen, die auf ihrer eigenen Schleimspur ausrutschen würden, wenn sie sich etwas davon versprachen. Sie kannte solche Typen. Die flatterten haufenweise um ihren Vater herum.
Und ausgerechnet den hatte sie in Geschichte. Das war mal ihr Lieblingsfach. Bis jetzt. Aber… da war ja noch die AG Geschichte.
„Du grinst schon wieder so.“ Paula stupste sie mit dem Knie an.
„Ich bin halt gut aufgelegt.“
„Ah!“
Nach dem Mittagessen schlich Charlie eine Zeit lang unschlüssig vor der Bibliothek herum. Paula hatte sie eben auf die Idee gebracht.
„Weißt du“, sagte sie zwischen zwei Bissen Lasagne, „die suchen noch für Montagnachmittag einen Hiwi für die Bib.“
„Ok“, Charlie schaute ihre Freundin fragend an.
„Ich mein ja nur. Du stehst doch auf Bücher.“
„Ja, schon. Aber das ist mein einziger freier Nachmittag.“
Paula nahm noch eine Gabel voll, meinte dann beiläufig:
„Na, dann muss die Meinhardis halt noch eine Weile länger suchen.“
„Hm, ja. Wahrscheinlich. Kann schon sein.“ Charlie schaute schnell weg, als sie Paulas vielsagenden Blick sah.
Und jetzt, kaum fünfzehn Minuten später stand sie vor der Bibliothek und fragte sich, warum sie so aufgeregt war. Es war ja schließlich nur ein Job.
„Hallo Charlie“, Meinhardis kam gerade den Gang entlang. „Wartest du schon lange? Die Bib ist immer erst ab vierzehn Uhr geöffnet.“ Sie sperrte auf. „Komm!“
„Wie geht es deiner Schulter?“
„Ach, geht schon. Tut halt noch ein bisschen weh.“
„Sei froh, dass sie nicht gebrochen ist. Du hattest nochmal Glück im Unglück.“
„Hm, ja, stimmt.“ Irgendwie bekam sie den Mund nicht auf. ‚Los jetzt‘ trieb sie sich an, ‚sag’s ihr‘!
„Hast du schon ein bisschen im neuen Buch gelesen?“
„Ja, hab ich fast schon wieder durch. Das ist genauso toll wie der erste Teil.“
„Freut mich, dass es dir gefällt.“ Meinhardis lächelte und schaute sie freundlich an. Sie beide schauten sich an. Und wieder schwiegen sie für einen Moment.
Wieder war es Meinhardis, die die Stille unterbrach.
„Suchst du ein bestimmtes Buch?“
„Buch?“ Charlie war kurz verwirrt. „Ähm, nein, deshalb bin ich nicht da.“
„Nicht? Ok. Gibt es etwas anderes, womit ich dir helfen kann?“
„Ja, nein.“
‚Shit hör auf mit deiner Stotterei!‘ Sie gab sich einen Ruck.
„Eigentlich möchte ich Ihnen helfen. Ich hab gehört, Sie suchen für Montagnachmittag noch eine Aushilfe.“
„Das stimmt. Und du möchtest das machen?“
„Ja, will ich. Ich steh total auf Bücher und so.“ In Gedanken hätte sie sich ohrfeigen können. ‚Und so.‘
Meinhardis schaute sie eine Weile nachdenklich an.
„Na gut, wenn du das möchtest. Ich freue mich, wenn du mir hilfst.“
Charlie schluckte. Dann sagte sie rau: „Ich mich auch.“
Sie bemerkte kaum, dass jemand den Raum betrat, sah nur Meinhardis an. Und auch die erschrak, als hinter ihr Anselm rief: „Ey, wasn los? Ich muss meine Hausarbeit kopieren.“
Wie es weitergeht, liest du im vollständigen Buch.